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66 Prozent Wildnis im Nationalpark Hunsrück-Hochwald

Naturdynamik schreitet schneller voran als erwartet – Entwicklungs-Nationalpark erreicht bereits nach 11 Jahren einen hohen Wildnisanteil

Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald erweitert in diesem Jahr seine Wildnisbereiche auf 66 Prozent der Nationalparkfläche. Damit erreicht der Entwicklungs-Nationalpark bereits 11 Jahre nach seiner Gründung eine bemerkenswert hohe Quote an Flächen, auf denen sich die Natur ohne menschliche Eingriffe entwickeln kann.

Zum Start des Nationalparks im Jahr 2015 waren rund 25 Prozent der Fläche als Wildnisbereiche ausgewiesen. Zuletzt lag der Anteil bei 58 Prozent. Mit der nun vorgesehenen Erhöhung auf 66 Prozent rückt der Nationalpark Hunsrück-Hochwald dem langfristigen Ziel deutlich näher: Bis 2045 sollen mindestens 75 Prozent der Nationalparkfläche vollständig der natürlichen Entwicklung überlassen werden.

„Dass wir bereits nach 11 Jahren als Entwicklungs-Nationalpark zwei Drittel der Fläche dem Prozessschutz widmen können, war auch für uns schneller als erwartet“, sagt Dr. Martin Mörsdorf, Leiter der Abteilung für Forschung, Biotop- & Wildtiermanagement in der Nationalparkverwaltung. „Durch die Dynamik könnte die Vielfalt an Arten und Lebensräumen im Gebiet größer werden. Für die Forschung ist das eine Riesenchance. Wir können jetzt auf großer Fläche beobachten und lernen.“

Im Mittelpunkt des Nationalparkauftrags steht der Prozessschutz. Natur Natur sein lassen ─ diese Kernaufgabe ergibt sich aus dem Staatsvertrag zwischen Rheinland-Pfalz und dem Saarland, aus § 24 Bundesnaturschutzgesetz sowie aus den internationalen Kriterien der IUCN für Nationalparke der Kategorie II. Nachgelagerte Ziele wie Biodiversitätsschutz, Forschung und Monitoring, Umweltbildung, Naturerleben, Öffentlichkeitsarbeit, Regionalentwicklung und nachhaltiger Tourismus müssen mit dieser Kernaufgabe vereinbar sein.

Der Nationalpark Hunsrück-Hochwald erstreckt sich zwischen 400 und über 800 Höhenmetern. Das Großschutzgebiet grenzt an den Erbeskopfgipfel mit 816 Metern, dieser ist zugleich die höchste Erhebung in Rheinland-Pfalz. Rund 98 Prozent der Nationalparkfläche sind bewaldet. Buchenwälder, Fichtenwälder, Moorwälder, altholzreiche Bestände, Quell- und Hangmoore, Blockhalden und Felsenlandschaften bilden ein artenreiches Mosaik der Lebensräume.

Die zunehmende Strukturvielfalt verbessert die Lebensbedingungen für zahlreiche Arten – insbesondere für störungsempfindliche Tiere sowie für Arten, die auf Kleinstlebensräume, Baumhöhlen oder Holz in unterschiedlichen Zersetzungsgraden angewiesen sind. Dazu zählen Höhlenbrüter, Insekten, Pilze und viele weitere Organismengruppen. Wildkatze, Schwarzstorch, Schwarzspecht, Rothirsch, Biber, Fledermäuse, Sonnentau, Wollgras, wilde Narzissen, Torfmoose und seltene Orchideen stehen beispielhaft für die besondere biologische Vielfalt des Nationalparks Hunsrück-Hochwald.

Besondere Funde zeigen, wie bedeutend der Nationalpark als Schatzkammer der Artenvielfalt ist. Bereits 2015 wurde hier die neue Flechtenart Verrucaria hunsrueckensis, die Hunsrück-Warzenflechte, entdeckt. 2024 folgte mit Hoefkenia hunsrueckensis eine neue Rotalgen-Gattung, beschrieben durch Forschende der Universität Koblenz.

Die Naturdynamik im Nationalpark ist in den vergangenen Jahren besonders deutlich sichtbar geworden: Trockenstress, höhere Temperaturen und zu geringe Niederschläge in der Vegetationszeit haben vor allem Fichtenbestände stark geschwächt. Infolge massenhaften Borkenkäferbefalls sind vielerorts Fichten abgestorben. Wo es möglich ist, bleiben diese Bäume stehen, brechen nach und nach ab und werden zu wertvollem Lebensraum. Zwischen den silbergrauen Stämmen entsteht eine neue, vielfältigere Waldgeneration.

„Diese Flächen sind keine Verlustflächen, sondern Entwicklungsräume“, sagt Amtsleiter Dr. Harald Egidi. „Hier können wir beobachten, welche Selbstheilungskräfte die Natur entfaltet und welche Baumarten, Strukturen und Lebensgemeinschaften sich unter den Bedingungen des Klimawandels durchsetzen.“

Damit wird der Nationalpark Hunsrück-Hochwald zu einem wichtigen Referenzraum. Anders als in bewirtschafteten Wäldern greift der Mensch in den Wildnisbereichen nicht steuernd ein. Gleichzeitig wird die Entwicklung wissenschaftlich begleitet. Forschung und Monitoring sind zentrale Bestandteile des Nationalparkauftrags. Neben Erhebungen im Gelände gewinnen satellitengestützte Verfahren zunehmend an Bedeutung. Sie ermöglichen es, Veränderungen im Gebiet und in der Region großflächig und präzise zu dokumentieren, etwa zur Vitalität von Bäumen oder zur Dynamik der Waldentwicklung.

Auch im Randbereich übernimmt das Nationalparkamt Verantwortung. Beim Borkenkäfermanagement erfolgt eine enge Abstimmung mit den umliegenden Forstämtern. Im Wildtiermanagement wird gezielt geprüft, wo Maßnahmen erforderlich sind, um überhöhte Bestände von Rot-, Reh- und Schwarzwild zu vermeiden. Das Monitoring von Verbiss und Schäle umfasst dabei einen Streifen von 500 Metern innerhalb und außerhalb der Nationalparkgrenze.

Darüber hinaus steht das Nationalparkamt im Austausch mit den Feuerwehren. Auch wenn moderndes Holz Feuchtigkeit auf den Flächen halten kann, werden Fragen des Waldbrandschutzes aktiv bearbeitet. Befahrbare Wege, Einsatzrouten, Wasserentnahmestellen und Bereitstellungsräume wurden gemeinsam erfasst und digital aufbereitet. Gemeinsame Übungen sind vorgesehen. Grundsätzlich gilt: Bei Waldbränden im Nationalpark wird gelöscht.

Die Erhöhung der Wildnisbereiche auf 66 Prozent markiert einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung des Nationalparks Hunsrück-Hochwald. Sie zeigt, dass der Park auf einem guten Weg ist, die nationalen und internationalen Anforderungen an einen Nationalpark zu erfüllen – und dass natürliche Prozesse in kurzer Zeit sichtbar, messbar und ökologisch wirksam werden können.

„Der Nationalpark ist ein Freilandlabor des Wandels“, so Amtsleiter Egidi. „Was wir hier lernen, hilft nicht nur dem Schutz der Wildnis, sondern liefert auch wichtige Erkenntnisse für den Umgang mit Wäldern im Klimawandel.“

Weitere Informationen zur Entwicklung des Nationalpark-Gebiets mit interaktiver Karte:
https://www.nlphh.de/gebiet-und-entwicklung/